Anja Koschemann von SelfDelve im Gespräch

Anja Koschemann von SelfDelve im Gespräch

Interview

«Die Silikonmanufaktur erschien mir dann als die passende Idee, loszulegen. Ich habe es keinen Tag lang bereut!»

Anja Koschemann

Anja (40) ist Dildodesignerin aus Dresden. Als gelernte Chemielaborantin mit Hang zum Handwerk gründete sie vor 8 Jahren ihre Manufaktur SelfDelve, in der sie bunte Dildos aus Silikon herstellt. Mittlerweile beschäftigt sie 2 Mitarbeiterinnen und verschickt ihre Kreationen in die ganze Welt.

Im Interview erzählt sie von unreifen Bananen, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem geheimnisvollen Wesen von Katzen.

Liebe Anja, schön, dass ich Dir heute ein paar Fragen stellen darf.
Ich habe gelesen, dass Du und Dein Partner sich bewusst mit Toys auseinandergesetzt haben und daraus die Idee entstanden ist, eigene Dildos zu produzieren. Bitte erzähle uns ein wenig mehr über die Idee und das Unternehmen: Was ist SelfDelve und wie hat alles begonnen?

Am Anfang stand wirklich nur der private Wunsch, ein Sexspielzeug zu haben, dass meinen eigenen Ansprüchen genügt. Vor 9 Jahren war die Auswahl an fröhlichen, gesundheitlich unbedenklichen Toys nämlich noch nicht so riesig wie jetzt. Es hat sich viel zum Guten verändert. Daher beschloss ich, es einmal selbst zu versuchen. Es brauchte viele Anläufe, bis meine eigenen Ideen gelangen und während der „Bastelphase“ sprach ich mit Freundinnen, probierte und lernte – das blieb kein Geheimnis, was ich da versuchte. Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass nicht nur ich die lieblose Massenware ablehnte und mehrere befreundete Paare fragten, ob ich nicht auch noch ein Exemplar für sie herstellen könne. Aus diesem ersten Zuspruch heraus, nahm die Idee Form an, ob es nicht auch eine tragfähige Geschäftsidee werden könnte. Jetzt wurde gerechnet und kühl überlegt – und ja: wir hatten Lust darauf und Mut, eine Manufaktur zu gründen.

Aus welchen Bereich kommst Du ursprünglich und wann war für Dich der Zeitpunkt gekommen, etwas Eigenes machen zu wollen?

Mit meinem Ausbildungsberuf als Chemielaborantin, Geschicklichkeit beim Handwerken und gute Kenntnisse in Verwaltungsdingen hatte ich eigentlich schon den richtigen Mix, um etwas eigenes auf die Beine zu stellen. So Anfang dreißig dachte ich immer häufiger über ein selbständiges Arbeitsleben nach. Die Silikonmanufaktur erschien mir dann endlich als die passende Idee, loszulegen. Ich habe es keinen Tag lang bereut!

blog-interview-anja-koschemann-4

Gemüse war wohl der Beginn von SelfDelve, wenn ich das richtig verstanden habe. Warum aber genau Gemüse?

Gemüse und Obst bieten als Form durchaus erotisches Potential. Nur leider gibt es holzige Stellen, gespritzte Schalen und andere „Makel“, die Frau nicht angenehm finden kann. Wandelt man die natürlichen Verlockungen nun in eine ungefährliche Variante, steht dem Vergnügen nichts mehr im Wege. Für mich und viele andere ist diese Dildovariante eine ganz neckische Idee, denn Penisnachbildungen oder abstrakte Formen sind ja fast schon „alte Hüte“. Gemüse ist einfach eine neue charmante Variante.

Deine Produkte kommen ja mit einigen Extras. Was ist das Besondere an Deinen Dildos?

Zum einen hatte ich die Idee, Pigmente einzuarbeiten, die sich durch Wärmezufuhr verändern. Dadurch „reift“ zum Beispiel die Banane beim Liebesspiel vom unreifen grün zur gelben Frucht. Jedes SelfDelve-Toy hat diese optische Spielerei in petto. Ich mag es auch, die Spielzeuge noch mit einer farblosen Silikonschicht zu überziehen – dadurch werden sie superglatt und glänzen. Fühlt sich gut an und sieht gut aus. Außerdem kann man bei (fast) allen Dildos zwischen verschiedenen Härtegraden wählen. Manche Lady mag es zarter, manche deutlicher: dafür sind die unterschiedlichen Silikonsorten gedacht.

blog-interview-anja-koschemann-3

 

Du führst mittlerweile nicht mehr nur Dildos. Was für Toys gibt es bei SelfDelve noch?

Die Liebeskugeln sind noch recht neu im Programm. Sie können helfen, eine starke Beckenbodenmuskulatur zu trainieren und diese wiederum beschert intensivere Orgasmen. Nebenbei hilft dieser Trainingseffekt auch nach der Geburt eines Kindes und gegen Inkontinenz. Ein anderer Bereich sind Ballknebel. Für die Spielart BDSM sind Knebel und Fesseln ganz wichtige Utensilien. Ich war erstaunt, dass es kaum Hersteller für Silikonbälle gibt. Wer mag schon einen stinkenden Gummiball im Mund haben? Jedenfalls ist der Bedarf für neutral riechende / schmeckende, zahnschonende Ballknebel recht groß und ich arbeite mit einigen HändlerInnen zusammen, die ihren Kunden vernünftiges Equipment verkaufen.

Wie kommst Du auf die Ideen für die Produkte? Wie entwickelst und testest Du die Produkte?

Zum einen darf ich mich immer wieder über Ideen samt Fotos von Kunden freuen, die Vorschläge zu mir schicken. Zum anderen gehe ich natürlich auch mit offenen Augen über den Wochenmarkt und lasse mich inspirieren.
Für die Testphase kann ich auf Freunde und treue Kunden zählen. Sie bekommen die Prototypen in die Hand und ins Bett – aus den Erfahrungsberichten ergibt sich dann die weitere Strategie. Manches wird verbessert, manches wird verworfen.

blog-interview-anja-koschemann-2

Machst Du jedes Deiner Produkte selbst? Und wie lange dauert das pro Produkt?

Mittlerweile schaffe ich es nicht mehr alleine. Mit mir arbeiten zwei festangestellte Frauen, um die tägliche Arbeit zu bewältigen. Bis ein Toy eingepackt und verschickt werden kann, vergeht ungefähr eine Woche. Erst wird der Grundkörper gegossen, dann die Verzierungen aufgebracht, das Glanzsilikon aufgetragen usw. Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten sind immer Wartezeiten des Materials zu beachten – das ist richtiges Handwerken.

«Wenn man Spaß an einer Sache hat, nimmt man sie auch ernst.»

Anja Koschemann

blog-interview-anja-koschemann-6

Was können wir in den nächsten 5 Jahren noch von Dir erwarten?

Der Ideenpool ist randvoll:) Im Garten Eden können wir uns noch einiges vorstellen. Für 2014 ist eine ganz neue Kollektion in Arbeit. Im Zusammenspiel mit einer Masterarbeit eines Designstudenten entstanden schon erste Varianten für Dildos, die sich an Naschwerk orientieren. Es wird also wieder bunt, fröhlich und wir freuen uns auf Toys mit abwechslungsreichen Oberflächen für ganz neue Fühl-Erlebnisse!

Welche Tipps hast Du für Liebespaare, die etwas Neues ausprobieren wollen? Und mit welchem Produkten sollten sie anfangen?

Für die ersten Ausflüge ins Spielzeugland empfehle ich eher kleine Toydurchmesser und schlanke Formen – ich denke dabei an die „Banane“ oder „Luft“. Am besten überfordert man sich nicht gleich mit großen Größen, sondern lässt sich erst einmal auf die neuen Empfindungen ein. Wenn es gefällt und Spaß macht, kann man sich auf die nächsten Experimente einlassen.

5 persönliche Fragen:

Wofür gibst Du ohne schlechtes Gewissen Geld aus?

Gern verschenke ich schöne Sachen. Für mich bin ich großzügig bei Reisen, Festivals, Theaterkarten und Büchern.

Welchen Titel sollte ein Porträt über Dich tragen?

„Wenn man Spaß an einer Sache hat, nimmt man sie auch ernst.“ Das Zitat stammt von Gerhard Uhlenbruck und trifft für mich voll ins Schwarze.

blog-interview-anja-koschemann-5Was ist Dein wertvollster Besitz?

Fotos von meiner Familie.

Wer oder was wärst Du gerne einen Tag lang?

Eine Katze. Von außen betrachtet, vereint sie selbstbewussten Stolz und Sinnlichkeit perfekt. Ich wüsste gern, ob eine Katze das im Alltag auch so empfindet. :)

Was war Deine härteste Lebensschule und, was können wir daraus lernen?

Alles – aber auch wirklich alles – hat seinen Sinn. Man versteht es nur manchmal sehr viel später. Irrwege müssen gegangen werden, dunkle Stunden müssen durchlebt werden. Geduld zahlt sich aus. Das Ringen um innere Stärke lohnt sich – denn nur so erkennt man, was man wirklich will, macht seinen Weg und wird letztendlich ein glückliches und sprühendes Leben führen. Dann kann man andere einladen, mitzukommen. Ist von Menschen umgeben, die einem guttun, kann geben und Erfüllung teilen. Was will man mehr?

Liebe Anja, vielen Dank für das Gespräch!

Alle Bilder Copyright by Anja Koschemann, SelfDelve
Die Vibraa Interviews geben Aufschluss über die Person dahinter. Wir wollen zeigen, wer im Markt für Liebesspielzeug aktiv ist, deren Geschichten und Denkweisen erläutern und damit mehr Nähe und Zugang zu den Menschen hinter dem Produkt, Image oder Dienstleistung schaffen.

Vibraa
Vibraa sind wir, Ende 20, aus der Schweiz und Deutschland. Wir lieben: Leidenschaft. Teamarbeit. Authentisch und originell sein. Offenheit. Gemütliche Abende. Love Toys. Ästhetik. Guten Humor. Computer. Schreiben. Gemeinsam Denken. Programmieren. Konsens finden. Manchmal laut, manchmal leise, aber immer mit Stil. Alle Autoren