Janina Gatzky und Ute Gliwa von Séparée im Gespräch

Janina Gatzky und Ute Gliwa von Séparée im Gespräch

Interview

«Erotik ist nicht schmutzig»

Janina Gatzky und Ute Gliwa

Weibliche Haut, (halb)nackte Frauen gibt es an jeder Ecke, auf fast jeder Webseite – doch die Herren lassen wenig blicken. Männeraktfotografie, die Frauen als Zielgruppe hat, muss anscheinend erst noch erfunden werden. Die beiden beherzten Damen machen aus der Not eine Tugend und gründeten einen eigenen Verlag, um die klaffende Marktlücke zu schließen.

Im Interview erzählen Janina und Ute von weiblichen Ansprüchen, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und Erektionen über 45°.

Liebe Janina, liebe Ute, gleich zu Beginn, warum (noch) ein Erotik-Magazin?

Gegenfrage: Wieso noch eins? Für Frauen gibt es im Erotikbereich derzeit überhaupt nichts in der Zeitschriftenbranche. Klar reden die meisten Frauenzeitschriften heute über Sex, aber meist bleibt es bei Tipps und Tricks nach dem Motto: Wie bin ich eine Granate im Bett. Wir bieten mehr: Hintergründiges, Reportagen, heiße Geschichten und außerdem Männeraktfotografie, die man sonst nirgendwo findet.

Auf dem Titelblatt der Erstausgabe spielt Ihr mit einem umgekehrten Klischee. Sie ist angezogen, Er nackt. Mit welchen Klischees möchtet Ihr sonst noch aufräumen?

Zum einen mit sozial gewachsenen Rollenbildern, nach dem Männer die Jäger und Frauen die Trophäen sind. Dass Männer die aktiveren sind, die immer wollen und Frauen eher passiv. Uns ist auch wichtig, dass Erotik nicht permanent mit Porn gleichgesetzt wird. Erotik ist nicht schmutzig. Wenn ich schon das Wort im Zusammenhang mit Sexualität höre, könnte ich die Wände hochgehen. Erotik braucht in unserer sexgesättigten Welt einen neuen Stellenwert und einen Image-Boost.

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Ihr bekennt Euch mit Separee zu einem neuen Verständnis von Sexualität und Sinnlichkeit. Hätte es solch ein Magazin auch schon früher geben können oder ist die Zeit erst jetzt reif dafür?

Es gab natürlich schon vor Séparée Erotikmagazine für Frauen, die aus verschiedenen Gründen keinen Bestand hatten. Der Zeitfaktor mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, aber nicht ausschließlich. Zugegeben, „Shades of Grey“ hatte sicher eine Art Türöffnerfunktion. Große Buchhandlungen wie Thalia haben plötzlich ganze Tische voll mit erotischer Literatur. Das Thema Frauen und Erotik ist in den letzten Jahren deutlich salonfähiger geworden. Die Gesellschaft geht heute freier mit Sex und Erotik um als noch vor sehr kurzer Zeit. Frauen sind in den letzten Jahren auch stärker in den Fokus der Erotikindustrie gerückt. Stilvolle Erotikboutiquen, ob on- oder offline, bieten ästhetisch einladende Produkte, aber das wisst ihr ja selbst am besten.

Was verbindet Ihr mit weiblichen Ansprüchen?

Das klingt in diesem Zusammenhang eigentlich schon wie ein Qualitätssiegel. Frauen kriegst du selten mit einer platten Hau-drauf-Taktik. Frauen mögen es subtiler, wenn es um Sex und Erotik geht. Für uns im Magazin heißt das: sinnliche, geistreiche, fundierte Texte mit einem Augenzwinkern und ästhetische, aber realitätsnahe Fotografie.

Was ist Euer Geschmack?

Janina: Ich mag Mango-Vanille. Ute: Koste mal!

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Was wird in Séparée garantiert nie abgebildet?

Erektionen über 45°. Damit ist man laut Definition im Pornobereich. Wir möchten unser Magazin aber gern unverschweißt verkaufen.

Als Publizist kann man neben der informativen immer auch eine Art erzieherische Funktion wahrnehmen. Was möchtet Ihr Euren Lesern beibringen?

Wir möchten Frauen in erster Linie ermutigen, ihre sexuellen Wünsche und Neigungen zu leben. Keine falsche Scham und Selbstzensur sich selbst gegenüber zu haben und das, was sie wirklich wollen von ihren Partnern oder Partnerinnen auch einzufordern. Enttäuscht sind wir immer dann, wenn das, was wir wollen, nicht eintrifft. Das ist im Bett wie im wahren Leben. Aber wenn ich meine Vorlieben klar kommuniziere, sind die Chancen deutlich höher, dass ich auch bekomme, was ich will.  Wir wollen weibliche Erotik aus vielen Perspektiven betrachten, Lust machen auf Experimente, anregen, erregen, aufregen. Wir wollen die Erotik aus der Schmuddelecke holen, in der sie in unserer Gesellschaft häufig gedrängt wird.

«Erotik braucht in unserer sexgesättigten Welt einen neuen Stellenwert und einen Image-Boost.»

Janina Gatzky

Wie überzeugt Ihr einen Mitt-Zwanziger sein Playboy-Abo für Séparée aufzugeben?

Wir empfehlen ein Séparée-Abo zur Ergänzung, um zu verstehen, was Frauen wirklich wollen. Bei uns können Männer Dinge über Frauen erfahren, die diese vielleicht nicht mal der besten Freundin verraten. Außerdem gibt es bei uns echte erotische Geschichten, die leider aus dem Playboy über die Jahre verschwunden sind.

Wenn dem Magazin-Slogan entsprechend „Erotik weiblich ist“, was assoziiert Ihr dann mit männlich?

Laut Duden ist Sex männlich.

Wie sind Frauen und was wollen Sie?

Wie sind Männer und was wollen sie? Nein, im Ernst, Verallgemeinerungen greifen da zu kurz, aber wir probieren es trotzdem mal: Frauen wollen geliebt werden, die Königin sein, auf Händen getragen werden. Und was unsere Vorliebe betrifft, kann man das vielleicht so formulieren: Wir mögen den dichtenden Holzfäller. Hilfe, Klischee. (Grinsen).

Wer ist Freund, wer Feind Eures Verständnisses von Erotik und Sexualität?

Es ist weniger unser Verständnis von Erotik und Sexualität, dass für Diskussionen sorgen könnte, sondern vielmehr unsere klare Einladung an Frauen, ihre Sexualität selbstbewusst zu leben. Wenn ihr auf beinharte Feministinnen anspielt, sehen wir da keinen Widerspruch. Sich für die eigenen weiblichen Bedürfnisse stark zu machen, steht ganz groß auf ihren Fahnen. Aber wir müssen dazu nicht die Männer kleinmachen und sie zu Sündenböcken abstempeln. Wir lieben Männer! Natürlich muss sich noch viel in den Köpfen ändern. Frauen werden noch immer gern in das Schema Hure oder Heilige gepresst ohne viele Zwischentöne. Aber genau auf die kommt es uns an.

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5 persönliche Fragen:

Wofür gebt Ihr ohne schlechtes Gewissen Geld aus?

Schlechtes Gewissen? Was ist das?

Welchen Titel sollte ein Porträt über Euch tragen?

Keine Ahnung. Auf Partys werden wir mittlerweile öfter mit „Die Damen vom Erotikmagazin“ vorgestellt.

Was ist Euer wertvollster Besitz?

Mal abgesehen von unseren Kindern, aber die besitzen wir ja nicht: Fantasie, Kreativität, ein paar Lebenserfahrungen. Und momentan unsere Laptops, auf denen Séparée entsteht.

Wenn Ihr mit 80 Jahren auf dem Schaukelstuhl sitzt und auf Séparée zurückblickt, was erzählt Ihr Euren Enkeln?

Okay, jetzt kommen die Kalendersprüche, aber da ist auch was Wahres dran: Du bereust nur, was du nicht probiert hast. Außerdem würde ich meinen Enkeln gern weitergeben, dass zwar viele Menschen gute Ideen haben, aber die wenigsten sie wirklich umsetzen. Und wenn man erst mal genau weiß, was man will, findet sich immer ein Weg.

Wer oder was wärt Ihr gerne einen Tag lang?

Janina: ein Mann
Ute: Es mag überheblich klingen, aber ich möchte eigentlich mit keinem tauschen.

Was war Eure härteste Lebensschule und, was können wir daraus lernen?

Es ist immer wieder hart zu erleben, wie Wünsche an der Realität zerschellen. Zum Beispiel wenn es um Spielarten von Liebe und Beziehungen geht. Manchmal kommt es uns vor, als ob Frauen da am Ende oft mutiger sind als Männer. Naja, und eine gute Lebensschule ist auf jeden Fall der Spagat zwischen Beruf, Kindern und Partnerschaft.

Liebe Janina, liebe Ute, vielen Dank für das Gespräch!

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Alle Bilder Copyright by Janina Gatzky und Ute Gliwa, Séparée
Die Vibraa Interviews geben Aufschluss über die Person dahinter. Wir wollen zeigen, wer im Markt für Liebesspielzeug aktiv ist, deren Geschichten und Denkweisen erläutern und damit mehr Nähe und Zugang zu den Menschen hinter dem Produkt, Image oder Dienstleistung schaffen.

Vibraa
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