Verena Michel von Fun Factory im Gespräch

Verena Michel von Fun Factory im Gespräch

Interview

«Funktionalität ist das A und O beim Design von Sex Toys.»

Verena Michel

Verena (30) ist seit 2008 Love Toy Designerin bei Fun Factory. Geboren wurde sie 1983 in Bad Kissingen, wo sie auch das Gymnasium besuchte. Zum Studium zog es sie 2002 an die Kunsthochschule der Universität Kassel, wo sie Produktdesign studierte, was sie 2007 mit Diplom abschloss. Für das Design ihrer Toys hat sie mehrere Design Preise gewonnen, u.a. den Red Dot Award (2011), iF Product Design Award (2010, 2011, 2014) und den Good Design Award, Chicago (2011, 2013).

Im Interview erzählt sie von wichtiger Zusammenarbeit, pointierten Kundenwünschen und geheimen Träumen.

Liebe Verena, erzähl doch zuerst einmal, welchen Job Du bei Fun Factory genau ausübst?

Ich bin Produktdesignerin bei Fun Factory. Hauptsächlich bin ich verantwortlich für die Silikonparts der Toys. Das heißt, alles, was später aus Silikon hergestellt wird, designe ich. Damit meine ich die bunten Silikonhüllen, die den Toys später ihre charakteristische Form geben. Ich versuche das vor allem in Einklang mit der Funktion der Vibratoren und Dildos zu bringen und bin im Bereich Produktentwicklung für das Kreative hier bei Fun Factory zuständig.

blog-funfactory-verena-michel-2

Verena bei der analogen und digitalen Designarbeit

Wie sieht der Arbeitsprozess zur Herstellung eines Toys aus?

Ich zeichne die Entwürfe erst einmal mit der Hand bzw. mit Bleistift und Papier. Von manchen Produkten mache ich sehr viele Entwürfe vorher, einige Ideen und Designs verwerfe ich wieder bis ich dann das richtige Design gefunden habe. Auf Basis der gezeichneten Entwürfe konstruiere ich am Computer 3D-Modelle mit Hilfe eines Zeichnungsprogramms – da sieht man dann schon, wie das Produkt später aussehen wird. Mit den Daten des Computerprogramms kann ich später im Modellbau mit einem unserer 3-D Drucker und der CNC-Fräse die ersten Prototypen herstellen.

Wer testet die Produkte?

Die Prototypen werden von verschiedenen Personen, unabhängigen Testern aus unserer User Group  getestet. Wir haben seit Jahren eine gewachsene Gruppe von Testern. Zwar bekommen wir immer noch jeden Tag Anfragen, wir sind aber bestens versorgt und nehmen momentan leider keine neuen Tester mehr auf. Die Prototypen sind, wie der Name schon sagt, noch nicht ganz perfekt. Die Silikonhülle hat meist noch eine Naht und ist zum Beispiel in der Farbauswahl noch nicht final – aber der Motor ist schon drin und die Passgenauigkeit ist auch gegeben. Ich verschicke die Toys dann mit einem Fragebogen an die passenden Tester, werte diese aus und überarbeite die Produkte wenn nötig noch einmal. Anschließend folgt ein weiterer Testlauf. Meistens benötigen wir ca. 1-2 weitere Testläufe, spätestens nach dem Zweiten ist das Produkt aber so perfekt, dass wir es in die Produktion geben und alles für den Produktlaunch vorbereiten können.

Bist Du frei in Deinen Ideen für neue Produkte? Oder wie entscheidet sich, in welche Richtung die nächsten Produkte sich entwickeln sollen?

Die Entwicklung eines Produktes ist auch immer ein gemeinschaftliches Projekt von Vertrieb, dem Produktmanagement und Modellbau und natürlich auch der Geschäftsführung. Wir schauen gemeinsam, ob das Design, welches ich mir ausgedacht habe, funktional und auch technisch herstellbar ist und insbesondere ob das Produkt vom Kunden gewünscht oder erwartet wird. Jeder hat da ein Mitspracherecht und dadurch ist jedes Produkt von Fun Factory ein Ergebnis guter und verbundener Zusammenarbeit.

blog-funfactory-verena-michel-3

Prototypen im Vergleich

Wie werden Kundenfeedbacks und -Wünsche in die neuen Produkte eingearbeitet?

Die VertriebskollegInnen geben natürlich weiter, was sie von Kunden über die bestehenden Produkte hören. Ich selbst bekomme auch viele E-Mails mit Kundenwünschen, die lese ich gewissenhaft und nehme sie mir auch zu Herzen. Bevor ich überhaupt anfange zu designen, recherchiere ich im Internet und lese mir die Kundenbewertungen von anderen Produkten durch. Das Feedback auf bestimmte Formen, das man in Foren lesen kann, ist zum Beispiel eine gute Möglichkeit, ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Kunden sich wirklich wünschen.

Wie bist Du zu Deinem Beruf gekommen?

Ich habe Produktdesign in Kassel studiert – mit Schwerpunkt auf Industriedesign. Dieses Studium befähigt dich dazu, alles an Produkten zu designen, was man so auf dem Markt kaufen kann. Ich habe mich dann für die Sex Toys entschieden, weil es ein sehr spannendes, sich stetig entwickelndes und gleichzeitig sehr emotionales Produkt ist. Es können damit ja Emotionen hervorgerufen und verbunden werden, die man als Designer von Kaffeemaschinen vielleicht nicht so sehr auslösen kann…

Wie viele Sex Toys werden im Jahr neu entwickelt bzw. kommen neu auf den Markt?

Das variiert natürlich. Grundsätzlich würde ich sagen: zwischen 5 und 10. Es macht auch einen Unterschied, ob ich nur eine neue Silikon-Hülle für ein bestehendes Produkt oder eine komplette Neuanfertigung produziere. Bei Ersterem wird eine neue Form au Silikon gestaltet, die dann auf ein schon vorhandenes Bedienelement gesetzt wird. Wenn wir ganz neue Produkte auf den Markt bringen, dann sind das natürlich ganz andere Prozesse und entsprechend längere Entstehungszeiten. Im letzten Jahr waren dies zum Beispiel der STRONIC oder unsere komplett überarbeiteten SMARTBALLS.

«Das Feedback auf bestimmte Formen ist eine gute Möglichkeit, ein Gefühl dafür zu bekommen, was Kunden sich wirklich wünschen.»

Verena Michel

blog-funfactory-verena-michel-4

Entwicklungsschritte vom ersten Prototypen bis zum fertigen Produkt

Worauf achtest Du bei der Entwicklung am meisten?

Wichtig ist natürlich die Passform und, dass das Produkt gut in den Händen liegt. Funktionalität ist das A und O bei dem Design von Sextoys, also die Frage danach, wie benutzerfreundlich und eben funktionell das Toy ist. Es soll ja schließlich genau an den richtigen Stellen stimulieren und dabei leicht zu bedienen sein. Zusätzlich ist das Design per se sehr wichtig; Das fertige Produkt soll gut aussehen. Und zwar so, dass Kunden darauf ansprechen und nur dieses Produkt kaufen bzw. haben wollen und kein anderes. Gleichzeitig sollte sich das Produkt in seiner Form und Farbe auch von den anderen Produkten auf dem Markt abgrenzen. Das alles ist wichtig beim Designen eines neuen Toys.

blog-funfactory-verena-michel-5

Flüssiges Silikon zur Herstellung der Spielzeughüllen

Was sind die momentanen Trends in der Sex Toy Branche?

Der Trend geht eindeutig in Richtung Qualität. Die Kunden legen Wert darauf, dass das Toy aus hochwertigen Materialien wie medizinischem Silikon hergestellt ist, dass es nicht gesundheits- oder umweltschädlich ist. Darüber hinaus achten Kunden auch immer mehr darauf, woher die Produkte kommen. Für manche Kunden spielt es z.B. eine immer wichtigere Rolle, dass ihr Toy auch in Deutschland („Made in Germany“) produziert wurde. Daneben geht es auch darum, dass die Toys abwechslungsreich gestaltet sind: Unterschiedliche Farben, neue Kombinationen, andere Formen, frische Ideen – das alles ist den Kunden sehr wichtig.

5 persönliche Fragen:

Wofür gibst Du ohne schlechtes Gewissen Geld aus?

Für Freizeitaktivitäten, gut essen gehen, Kultur genießen, Spaß haben. Eigentlich für alles, was mir Freude bereitet.

Welchen Titel sollte ein Porträt über Dich tragen?

Das ist eine schwierige Frage… Ich würde mir wünschen, dass meine Designertätigkeit im Vordergrund steht. Ich möchte als „ganz normale“ Designerin wahrgenommen und nicht rein auf das Thema Sex Toy Designerin beschränkt werden. Gerade weil das ein Design-Beruf wie jeder andere ist. Das ist nun noch kein Porträttitel, aber der Inhalt sollte sich in etwa darum drehen.

Was ist Dein wertvollster Besitz?

Alles, was mein Leben bereichert.

Wer oder was wärst Du gerne einen Tag lang?

Ich wäre gern ein Mann. Ich denke, dass könnten sehr wertvolle Erfahrungen sein – auch für meinen Beruf. Ich könnte da sicherlich einiges lernen.

Was war Deine härteste Lebensschule und, was können wir daraus lernen?

Ich habe ziemliches Glück gehabt in meinem Leben und im Prinzip ist mir noch nichts Schlimmes passiert. Eine harte Lebensschule kommt vielleicht noch auf mich zu. Ich glaube es ist wichtig, dass man lernt aus der momentanen Situation immer das bestmögliche rauszuholen.

Liebe Verena, besten Dank für das Gespräch!

Alle Bilder Copyright by Fun Factory
Die Vibraa Interviews geben Aufschluss über die Person dahinter. Wir wollen zeigen, wer im Markt für Liebesspielzeug aktiv ist, deren Geschichten und Denkweisen erläutern und damit mehr Nähe und Zugang zu den Menschen hinter dem Produkt, Image oder Dienstleistung schaffen.
Vibraa sind wir, Ende 20, aus der Schweiz und Deutschland. Wir lieben: Leidenschaft. Teamarbeit. Authentisch und originell sein. Offenheit. Gemütliche Abende. Love Toys. Ästhetik. Guten Humor. Computer. Schreiben. Gemeinsam Denken. Programmieren. Konsens finden. Manchmal laut, manchmal leise, aber immer mit Stil. Alle Autoren